Köln, 30. November 2023. Anlässlich des Internationalen Tags der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember fordert die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V. (DGSP) von politischen Entscheidungsträgern, sich stärker für die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen einzusetzen. Mit dem Thema "Armut und Ausgrenzung von Menschen mit psychischen Erkrankungen" befasste sich der Verband intensiv auf seiner Jahrestagung vom 16. bis 18. November 2023 in Marburg.

"Armut macht krank – psychische Erkrankung macht arm" – so könnte das Fazit der diesjährigen DGSP-Jahrestagung lauten. Ausgehend von den Betrachtungen des Soziologen Stephan Lessenichs zur gesamtgesellschaftlichen, krisenbedingten Verunsicherung über die vielbeschworene "Normalität" und einigen eindrücklichen Erfahrungsberichten aus Betroffenenperspektive stand am Ende die Einsicht: Menschen mit psychischen Erkrankungen erleben erhebliche ökonomische Armut, aber die Armut an gesellschaftlicher Teilhabe ist nicht allein eine finanzielle Frage. Ausgrenzungserfahrungen sind vielschichtig und müssen auch so betrachtet werden.

Andreas Jung (EX-IN-Genesungsbegleiter und Mitglied des DGSP-Vorstandes) und seine Co-Referentin Claudia Schulz berichteten aus eigener Erfahrung: "Menschen auf der Straße werden unsichtbar." Thelke Scholz (Vorstandsmitglied der DGSP mit eigener Krisenerfahrung) verband in ihrem Vortrag außerdem die Nebenwirkungen von Psychopharmaka mit fehlender gesellschaftlicher Teilhabe: "Durch die erheblichen Nebenwirkungen der Psychopharmaka verschwand ich. Ich wurde zum Objekt der Behandlung. […] Ich war ausgesperrt aus der Gesellschaft." Stephan Gutwinski (Oberarzt in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité Berlin) machte deutlich, dass "soziale Determinanten wie Armut, Wohnungslosigkeit und fehlender Zugang zu sozialen Dienstleistungen […] eine wichtige Rolle bei der Genesung und der Entlassungsplanung für psychiatrische Patienten" spielen.

Was n(T)un? In Marburg wurden vielfältige Möglichkeiten diskutiert, wie der Armut psychisch erkrankter Menschen begegnet werden kann.

Wohnraum anbieten: Prof. Dr. Volker Busch-Geertsema (Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung e.V.) stellte den Housing First-Ansatz vor, der in zahlreichen Modellprojekten wohnungslosen Menschen mit komplexen Problemlagen weitgehend voraussetzungsfrei eine Wohnung und damit eine Teilhabeperspektive ermöglicht. Erste Evaluationen zeigen, dass es den meisten Teilnehmenden gelingt, die Wohnung zu halten.

Hilfen auf der Straße: Christine Heinrichs (Bereichsleiterin Hilfen in sozialen Notlagen vom Frankfurter Verein) stellte die Arbeit rund um den Kältebus in Frankfurt vor und veranschaulichte, wie wichtig eine professionelle Organisation derartiger Hilfen ist.

Gemeindenahe Organisations- und Versorgungsmodelle: Den Grundsatz "Ver-handeln statt Be-handeln" als Haltung brachte die Meraner Chefärztin Verena Perwanger in die Diskussion, die ihre Arbeit in einem gemeinsamen außerklinischen und klinischen Team vorstellte – ohne Schnittstellengrenzen im Budget. Florian Metzger (Chefarzt der psychiatrischen Klinik Haina) zeigte die Vorteile der Stationsäquivalenten Behandlung (StäB) für die Betroffenen in Deutschland, wobei die Grenzen im deutschen System gegenüber dem Südtiroler deutlich wurden.

Psychotherapie: Dr. Helen Niemeyer (Humboldt-Universität zu Berlin) stellte Studienergebnisse vor, die darauf hinweisen, dass Menschen mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status geringere Chancen haben, ein Psychotherapieangebot zu bekommen – um damit z.B. auch präventiv aktiv zu werden.

Mit Menschlichkeit begegnen: Thelke Scholz appellierte eindringlich an die anwesenden Menschen, die im Hilfesystem arbeiten, erkrankten Menschen Zugehörigkeit zu vermitteln: "Zum Menschsein gehört immer mehr als satt und sauber. Ihre Aufgabe ist es, die Menschlichkeit hochzuhalten."

Solidarisch sein: Die Vorsitzende des Gesundheitsausschusses und MdB Kirsten Kappert-Gonther unterstrich zum Ende die notwendige Solidarität und soziale Gerechtigkeit, gerade auch in Bezug auf das gesellschaftliche Miteinander und die aktuellen Krisen. Gesundheitschancen seien in Deutschland extrem ungerecht verteilt.

Alles in allem zeigten die Beiträge auf der Veranstaltung: Es gibt vielfältige Ansatzpunkte, um den komplexen Zusammenhängen zwischen Armut, Ausgrenzung und psychischer Erkrankung entgegenzuwirken – das Hilfesystem und insbesondere die Politik müssen dieses Problem jedoch viel stärker in den Blick nehmen.

Hintergrundinformation

Die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V. (DGSP) setzt sich als bundesweiter Fachverband seit 1970 für die Interessen und den Schutz psychisch erkrankter, behinderter und von psychischer Erkrankung und Behinderung bedrohter Menschen ein. Die DGSP arbeitet berufs- bzw. expertenübergreifend, das heißt, ihre Mitglieder sind psychiatrisch Tätige aller Berufsgruppen aus verschiedenen Institutionen, Psychiatrieerfahrene und deren Angehörige sowie Träger sozialpsychiatrischer Angebote.
Die Jahrestagung der DGSP 2023 wurde gefördert durch die Stadt Marburg. Hierdurch konnte sie Menschen mit geringem Einkommen die Teilnahme zu einem niedrigeren Preis anbieten.

Die Tagungsdokumentation finden Sie hier:


Kontakt zur DGSP

Birthe Ketelsen
birthe.ketelsen(at)dgsp-ev.de
Marie Schmetz
marie.schmetz(at)dgsp-ev.de
Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: (0221) 95791938
www.dgsp-ev.de


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