In unserer Praxis machen wir immer häufiger die Erfahrung, dass immer mehr Menschen im „Bermuda-Viereck“ zwischen Psychiatrie, Jugendhilfe, Justiz/Forensik und Obdachlosen-/Wohnungslosenhilfe hin- und hergeschoben oder abgewiesen werden, ohne adäquate Hilfe und Unterstützung zu erhalten.
Die DGSP hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebenssituation von Menschen in psychosozialen und/oder psychischen Notlagen und insbesondere der Menschen, die von den bestehenden Angeboten der Hilfs- und Unterstützungssysteme nicht oder nicht mehr erreicht oder von diesen ausgeschlossen werden, zu verbessern.
Fachausschuss Non Compliance & Eigensinn
Am 21. März 2024 trat der bundesweite Fachausschuss der DGSP „Non Compliance & Eigensinn“ als trialogisch besetzte Gemeinschaft erstmalig in Präsenz zusammen.
Im FA sind zurzeit ca. 35 Menschen aktiv. Neben systemerfahrenen Expertinnen und Experten und Betroffenen auch Mitarbeitende aus den Bereichen der Sozial- und Gemeindepsychiatrie, der Jugend-, Alten-, Behinderten-, Wohnungslosen- und Suchthilfe, der Sozialarbeit, des Streetwork und der Sozialwissenschaft.
Der FA trifft sich seit 2026 einmal monatlich online zum intensiven Austausch sowie einmal jährlich in Präsenz.
Unterschiedliche Sichtweisen auf ein starres, zunehmend abweisendes und marodes psychiatrisches Hilfesystem und die besondere Berücksichtigung von „behandlungsunwilligen“ („non compliance“) Menschen stehen im Mittelpunkt unseres Interesses.
Wer wir sind
Wir suchen gemeinsam neue Lösungswege für eine bedürfnisorientierte und würdevolle Versorgung von Menschen in psychischen Ausnahmezuständen. Angesichts überfüllter Kliniken und steigender Fallzahlen bei zu wenigen Therapieplätzen ist die Zeit gekommen für unkonventionelle, finanzierbare, frische Ideen, die der Gesellschaft Nutzen bringen könnten. Die Gesellschaft kommt nicht umhin, neue Versorgungspfade zu ebnen: Gemeindenah, präventiv, begleitend, nachsorgend.
Finanzierung und Behandlungsverantwortung müssen klar geregelt sein und dürfen nicht zum Hemmschuh für schnelle Hilfe werden. SpDi‘s und multiprofessionelle, aufsuchende Teams wie z.B. Mitarbeitende eines „Open Dialogue“ gelten mittlerweile als hilfreiche Unterstützer außerhalb der Kliniken. Besondere Einrichtungen, die sich der Unterstützung „schwieriger“ Menschen widmen, bedürfen ebenso der finanziellen und personellen Absicherung und, vor allem, eines offenen und möglichst bedingungsfreien, bedürfnisorientierten Zuganges.
Nachhaltige Heilungsprozesse finden nicht unter Zwang, sondern in größtmöglicher selbstbestimmter Freiheit statt. Diagnoseorientierte Behandlungen im engen Korsett der Krankenkassen erzeugen durchaus erst die so sehr gefürchteten „Drehtürpatienten“. Kosten gehen durch die Decke bei fragwürdigem Ergebnis.
Der FA möchte angesichts der komplexen Problemlage gesellschaftliche und fachliche Diskussionen anregen und erweitern.
Was wir wollen: für uns und für „draußen“
Eines unserer Hauptziele ist die Sensibilisierung der Gesellschaft für die Belange psychisch belasteter sowie eine größere Transparenz des undurchsichtigen psychiatrischen Systems. Verantwortungsvolles Handeln und bürgerliches Engagement wären ein starkes Präventionsmittel. Die Rückbesinnung auf die freiheitliche Demokratie statt der Etablierung eines Überwachungsstaates mit Zwang und Repression wären hierzu erforderlich.
Sektorenübergreifendes Arbeiten in verpflichtenden Netzwerken mit Fallverantwortung wäre eine große Verbesserung. Aus Sicht der Betroffenen, aber auch der übrigen FA-Teilnehmenden gehört zu diesem Thema, begleitende Beistände zu unterstützen, ihnen endlich den Respekt entgegenzubringen, den sie verdienen und sich ernsthaft um Gespräche auf Augenhöhe, d.h. mit Toleranz, zu bemühen.
In unserer Gemeinschaft ist dieses Bemühen deutlich zu spüren, jeden Teilnehmenden respektvoll, aber in seiner/ihrer jeweiligen Rolle zu begreifen und zu behandeln. Das Ringen darum ist ernsthaft und eröffnet dadurch wirklich neue Lösungsmöglichkeiten. Hieraus entwickelt der FA das Ziel, mehr trialogische Kommunikationsräume und -prozesse anzuregen und zu unterstützen.
Positive Versorgungsbeispiele möchten wir analysieren und als „best-practice“-Modelle sichtbar machen. Hier kommen in Betracht: Jederzeit erreichbare Krisendienste oder Selbsthilfeangebote, Lotsinnen und Lotsen oder der Ausbau sozialer Begegnungsräume, in denen jede/r sein kann, wie sie/er ist. Dazu wollen wir Kriterien trialogisch erarbeiten für umsetzbare Angebote, die speziell auf widerständige, „schwer erreichbare“ Menschen ausgerichtet sind.
Wofür wir stehen
An erster Stelle steht für uns der freie Gedankenaustausch von Berufs-, Lebens- und Krisenerfahrenen. Erst wenn wir die Wahrnehmung anderer ernst nehmen, Betroffenen zugestehen, ihren Eigensinn zu leben und auszudrücken, können individuelle Bedarfe tatsächlich geplant werden. Mit mehr Gelassenheit und Toleranz („Menschen dürfen auch laut sein.“) ist für Betroffene eine angemessene, nicht diagnoseorientierte Hilfe auch vermittelbar. Hilfsbedürftige aufzugeben, sollte keine Option sein. Ebenso wenig, einen Menschen, der jede Hilfe verweigert und sich lieber selbst organisiert, Hilfe um jeden Preis aufzudrängen. Dabei ist das Vertrauen in das Erfahrungswissen, das eine große Selbstwirksamkeit entfalten kann, eine wichtige Lektion für professionell Helfende und die Begleitenden (Zu- und Angehörige).
Viele Betroffene können besser mit sich umgehen als gemeinhin vermutet wird, auch während einer Akutkrise. Wird Hilfe erbeten, ist eine umfassende Aufklärung auch über Medikamente sinnvoll für ALLE Beteiligten.
Auch hier wäre eine fortwährende Diskussion in der Öffentlichkeit sinnvoll, ebenso wie über die Folgen brisanter politischer Entscheidungen bspw. die Einführung psychiatrischer „Gefährderlisten“ oder der „ambulanten Behandlungsweisung“.
Menschen, die als „Systemsprenger“ (ein von uns abgelehnter Begriff), als „non compliant“, als schwierig, als „Drehtürpatient“ oder gefährlich gelten, haben gesellschaftlich das Nachsehen. Sie stoßen auf ein psychiatrisches System, das zunehmend selbst alle diese Attribute in sich vereint. Das Ziel, eben dieses starre System aufzubrechen, in Bewegung zu bringen und zu halten, liegt auf der Prioritätenliste des Fachausschusses ganz weit vorne.

Bild: Gruppenfoto des Fachausschusses Non Compliance & Eigensinn


Abschließend noch eine Anmerkung aus der Sicht unserer „professionellen“ Fachausschussmitglieder, die nicht besser ausgedrückt werden könnte:
„Es soll ausdrücklich betont werden, das der FA den Begriff der „Non Compliance“ nicht als Bezeichnung für die angebliche Unwilligkeit und mangelnde Bereitschaft eigensinniger, von Zwangsmaßnahmen oder von Ausschließungs- und Exklusionserfahrungen betroffener und diskriminierter Menschen versteht, sondern als Kritik an der „Non Compliance“ der bestehenden Systeme und der diese innewohnenden gesetzlichen wie institutionellen Rahmenbedingungen, die die Zugänge zu adäquat ausgestalteten Hilfe- und Unterstützungsangebote erschweren oder unmöglich machen.“