Köln, 29. Oktober 2025 – „Lebensspannen – spannendes Leben“ lautete der Titel der DGSP-Jahrestagung 2025 im Forum Leverkusen. Im Mittelpunkt standen psychische Erkrankungen über den gesamten Lebenszyklus – vom Aufwachsen bis ins Alter, vom familiären Umfeld bis zu gesellschaftlichen Verantwortungssystemen. Die Tagung fiel in das Jahr des 50. Jubiläums der Psychiatrie-Enquete, und so zog sich durch viele Beiträge der Gedanke, dass die Fragen von damals noch immer die Herausforderungen von heute sind. Verantwortung, Haltung und Teilhabe blieben die verbindenden Linien zwischen Geschichte und Gegenwart.
Verantwortung und Geschichte
Bereits am Vorabend griff die Stiftungsveranstaltung der DGSP die Psychiatrie-Enquete von 1975 auf. Christiane Haerlin, Michael von Cranach und Niels Pörksen erinnerten an Aufbruch, Widerstände und daran, dass viele Forderungen – von Selbstbestimmung über Partizipation bis zur Deinstitutionalisierung – noch längst nicht eingelöst sind. Die Psychiatrie, so das Fazit, müsse auch heute „empört konstruktiv“ bleiben, wenn gesellschaftliche Entwicklungen erneut in Richtung Ausgrenzung weisen.
Diesen Gedanken griff Elke Prestin am Schlusstag auf. In ihrem Vortrag „50 Jahre Psychiatrie-Enquete – Wo stehen wir heute?“ zeichnete sie eine Bilanz: Der Bettenabbau sei vorangekommen, doch parallel wachse der Maßregelvollzug – Thema auch des diesjährigen Symposiums. Noch immer fehlten flächendeckende Krisendienste und tragfähige sozialpsychiatrische Strukturen. Zwischen ökonomischem Druck und echter Teilhabe stehe die Psychiatrie an einer Weggabelung.
Auch Michael Wunder schlug mit „Gibt es eine Antwort auf die Geschichte?“ die Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart. Er erinnerte an die Euthanasie-Verbrechen, begangen von Ärztinnen, Ärzten und Pflegenden, und mahnte: Verantwortung bedeute nicht Schuld, sondern Haltung – die Verpflichtung, den Wert jedes Lebens bedingungslos anzuerkennen.
Psychiatrie im Lebenslauf
Wie sich psychische Erkrankungen in den verschiedenen Lebensphasen zeigen bzw. was psychische Belastungen sein können, bildete die inhaltliche Linie der Tagung.
Prof. Dr. Gouzoulis-Mayfrank, Präsidentin der DGPPN, stellte ein Modell koordinierter Versorgung vor, das soziale Teilhabe und Peerbegleitung einschließt. Martin Reker richtete den Blick auf ältere Menschen mit Suchterkrankungen und zeigte, dass Stabilität im Alter weniger von Abstinenz als von Beziehung und sozialer Einbindung abhängt. Am anderen Ende des Lebenszyklus berichtete Michael Kaess über die Zunahme psychischer Belastungen bei Kindern und Jugendlichen. Aufsuchende Behandlungsformen wie StäB verbessern das Funktionsniveau deutlich – ein Plädoyer für frühe und flexible Hilfen.
Beziehungen und Selbstbestimmung
In der trialogischen Runde zur Elternschaft psychisch erkrankter Menschen berichteten Silvia Krumm, Julia Exter und Marion Michel von den Herausforderungen zwischen Selbstfürsorge, Elternrolle und institutioneller Überforderung. Michel forderte eine Praxis, die Familien stärkt statt sanktioniert.
Christiane Tilly stellte ihre Forschung zu Frauen mit Borderline-Diagnose vor. Ihre Interviews – Lebensgeschichten voller Brüche, Gewalt, aber auch Genesung – machten spürbar, dass Recovery immer Beziehung bedeutet. „Es ist unser Job als Professionelle, Traumatisierungen zu erkennen und zu würdigen“, sagte sie.
Neue Medien, alte Stigmata
Wie tief Vorurteile reichen, zeigte Michael Borg-Laufs am Beispiel psychisch erkrankter Kinder und ihrer Eltern. Aufklärung und Begegnung bleiben die wirksamsten Gegenmittel – sichtbar in Projekten wie „Verrückt? Na und!“ oder „Irre menschlich Hamburg“.
Jakob Kaminski zeigte mit RecoveryCAT, wie digitale Werkzeuge Versorgung sinnvoll ergänzen können. Digitalisierung, so sein Credo, könne Beziehung stärken – solange sie den Menschen nicht ersetzt.
Fazit
Psychische Erkrankungen sind Teil des Lebens – nicht Brüche darin. Sozialpsychiatrie heißt, Menschen in ihren Lebensspannen zu begleiten und Übergänge zu gestalten. Die Jahrestagung verband Geschichte und Gegenwart, Forschung und Erfahrung, Haltung und Handeln – und zeigte, dass „Lebensspannen“ nicht nur ein Motto, sondern ein Auftrag ist.
Oder, wie Jessica Reichstein es zum Abschluss formulierte:
„Spannend wird Psychiatrie dort, wo sie menschlich bleibt.“
Die nächste DGSP-Jahrestagung findet vom 5.–7. November 2026 in Mainz statt – unter dem Motto:
„Mangel verwalten, Beziehung gestalten, Haltung entfalten.“
Kontakt zur DGSP
Birthe Ketelsen
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