50 Jahre Psychiatrie-Enquête – Bilanz, Herausforderungen und Perspektiven
1975 veröffentlichte der Deutsche Bundestag den Bericht der Psychiatrie-Enquête – ein Wendepunkt in der deutschen Psychiatriegeschichte. Gefordert wurden unter anderem der Abbau großer Anstalten, der Aufbau gemeindenaher Hilfen und mehr Teilhabe für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Viele dieser Impulse wirken bis heute nach – doch zentrale Empfehlungen sind weiterhin unerfüllt.
Was wurde erreicht – und was nicht?
Zahlreiche Reformen, etwa im Betreuungsrecht, mit dem Bundesteilhabegesetz oder bei der Stärkung von Patient:innenrechten, greifen zentrale Anliegen der Enquête auf. Gleichzeitig zeigen aktuelle Entwicklungen, wie viel noch zu tun bleibt: etwa bei der Zunahme ambulanter Behandlungsformen ohne ausreichende sozialpsychiatrische Strukturen, bei der Ausweitung von Zwangsmaßnahmen oder bei ungeklärten Zuständigkeiten zwischen Leistungsträgern.
Ein Jubiläum, das in die Zukunft weist
Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums wird bundesweit diskutiert, was aus den Reformzielen geworden ist – und was sie uns heute noch sagen. Am 2. und 3. Juni 2025 fand dazu in Leipzig die Tagung „50 Jahre Psychiatrie-Enquête – Geschichte erinnern, Gegenwart und Zukunft gemeinsam gestalten“ statt, veranstaltet von den Verbänden des Kontaktgesprächs Psychiatrie in Kooperation mit der Stadt Leipzig.
Die Tagung machte klar: Die Verantwortung für die Zukunft der Psychiatrie liegt bei uns allen – und der Zeitpunkt zum Handeln ist jetzt. In Vorträgen, Panels und Workshops wurde nicht nur die historische Bedeutung der Enquete gewürdigt, sondern auch dringliche aktuelle Herausforderungen benannt: Stigmatisierung, Fachkräftemangel, mangelnde Partizipation und institutionelle Trägheit.
Deutlich wurde, dass Reformimpulse aus Vergangenheit und Gegenwart – von den Rodewischer Thesen über das Leipziger Modell bis hin zu Peerarbeit und Recovery – weiterhin Orientierung bieten können. Die lebendige Beteiligung von Betroffenen, Angehörigen und Fachkräften im trialogischen Austausch prägte das Tagungsgeschehen und mündete in einer politischen Resolution, die ein deutliches Zeichen gegen Rückschritte in der Psychiatriepolitik setzte. Einen ausführlichen Bericht zur Tagung gibt es in der "Sozialen Psychiatrie" Nr. 189 zum Nachlesen oder hier als PDF herunterzuladen.
Offene Baustellen – neue Fragen
Fortschritte wie die gesetzliche Verankerung von Peer-Arbeit oder der Aufbau gemeindepsychiatrischer Verbünde zeigen, was möglich ist. Doch es bleiben wichtige Baustellen: Die Trennung der Kostenträger verhindert integrierte Versorgung. Klare gesetzliche Vorgaben zur Vermeidung von Zwang fehlen. Und eine flächendeckende Versorgung im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention ist noch lange nicht erreicht.
Das Jubiläum bietet nicht nur Anlass zur Rückschau, sondern auch zur kritischen Auseinandersetzung mit aktuellen Entwicklungen: Wie wollen wir heute mit psychischen Krisen umgehen? Welche Haltung prägt unser Versorgungssystem?
Zukunft der Sozialpsychiatrie
Die DGSP beteiligt sich an dieser Debatte mit dem Diskussionsprozess zur Zukunft der Sozialpsychiatrie. Dieser sucht die Verbindung zwischen den Wurzeln der Reformbewegung, den gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen und den notwendigen nächsten Schritten. Dabei geht es auch um Machtverhältnisse, Begriffe und Teilhabe – und um die Frage, welche Psychiatrie wir morgen brauchen.