Forensik-Fachtag: Zum gesellschaftlichen Umgang mit Gefährlichkeit

► 19.-20. Oktober 2017 | Bad Boll

Am 19. und 20. Oktober fand in Bad Boll die Forensik-Fachtagung des Kontaktgesprächs Psychiatrie statt. An der von der DGSP federführend organisierten Veranstaltung nahmen 80 Personen teil.

(Die Präsentationen und eine Zusammenfassung der Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen stehen am Seitenende zum Download zur Verfügung.)

Heinz Kammeier betrachtete die historische Entwicklung des Maßregelvollzugs in Hinsicht auf die heutigen Problemlagen. Die stationäre Unterbringung sei für viele Personen unzulässig und nicht erforderlich, es gebe aber nicht ausreichend Angebote und Wohnoptionen. Martin Feißt bot eine sozialwissenschaftliche Perspektive auf den Aspekt der Gefährlichkeit. Er grenzte die begangenen Taten von den zu erwartenden Taten ab und stellte die Notwendigkeit des Begriffes Gefährlichkeit in Frage: damit werde eine diffus ablehnende Haltung befördert.

Die Juristin Anja Schiemann befasste sich mit der Abgrenzung von Schuldfähigkeit und Schuldunfähigkeit. Sie beklagte vor allem die unterschiedliche Gerichtspraxis, daher müssten die Gesetze in Deutschland neu gedacht werden, dazu empfiehlt sie die Beispiele Schweiz und Italien. Der Jurist Jörg Kinzig analysierte die Konzeption des Strafgesetzbuches und beschrieb, wie uneindeutig Gesetzestexte und juristische Aussagen sind.

Matthias Rosemann, Vorsitzender der BAG GPV, beschrieb in seinem Vortrag den typischen Verlauf des Maßregelvollzugs aus der Fallperspektive. Er forderte Standards für den Maßregelvollzug, die sich nur an der Behandlung orientieren, sondern auch Teilhabe und Reha orientieren. Er forderte weniger Arbeitstherapie, dafür solle es mehr Gelegenheiten zum tatsächlichen Arbeiten geben, bspw. könne es ermöglicht werden, eine Ausbildung zu machen. Bei gemeinschaftlicher Versorgungsverantwortung könne die Gemeindepsychiatrie ein kompetenter Partner sein. Doris Steenken berichtete sehr berührend von ihren Erfahrungen als zu Unrecht in einem forensischen Krankenhaus untergebrachte Person. Abgerundet wurde die Veranstaltung von der Philosophin Bettina Stangneth, die forensische Wissenschaft in einen Kontext des philosophischen Denkens stellte.

In Arbeitsgruppen verfassten die Teilnehmer politische Forderungskataloge und Umsetzungsstrategien, die von einer Redaktionsgruppe des Kontaktbüros überarbeitet werden sollen. Dieses Papier enthält als Ergebnis der Tagung Kernforderungen zu einer Weiterentwicklung des Maßregelvollzugs, der humaner, transparenter und gerechter sowie stärker in die Gemeindepsychiatrie eingebettet sein soll.