Begegnung mit süchtigen Klienten – Plädoyer für ein besseres Schnittstellenmanagement

NÜRNBERG. Viele Personengruppen sind an der Unterstützung suchterkrankter Menschen beteiligt.  Sie kommen von Sozialämtern, von der Wohnungslosen- oder Bewährungshilfe, von Polizei und Justiz. Wie können sie zum Wohle ihrer Klienten am besten zusammen wirken, wie können aus Schnittstellen Netzwerke werden? Das war die Leitfrage für den 5. Fachtag „Begegnung mit süchtigen Klienten“, der in diesem Jahr an der Nürnberger Georg-Simon-Ohm-Hochschule stattfand.

 „Es wäre illusionär zu glauben, man könnte die Schnittstellenproblematik so einfach lösen“. Das sagte Thomas Bader, DGSP-Sprecher des Fachausschusses „Sucht“ zur Einleitung  der Schlussdiskussion.  Ein Abschlussgespräch vor dem Plenum, in dem Bader mit Dr. Martin Reker, dem leitenden Abteilungsarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethel, und  mit Dr. Ulrich Kemper, Chefarzt des LWL Rehabilitationszentrums Ostwestfalen, noch einmal den Tag resümierte. Und obwohl  Bader sagte, dass man die Schnittstellenprobleme nicht lösen könne, klang seine Feststellung nicht wie ein Offenbarungseid. Sondern im Gegenteil wie ein Aufruf zum beständigen, nachdrücklichen Austausch aller an der Suchthilfe Beteiligten.

 Einen Austausch, den fünf Verbände – neben der DGSP als Hauptorganisatorin sind der Betreuungsgerichtstag, die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit sowie der Fachverband Soziale Arbeit, Strafrecht und Kriminalpolitik beteiligt  – bereits im fünften Jahr mit dem gemeinsamen Fachtag Sucht ganz bewusst suchen.
Wie wichtig in der täglichen Arbeit die Verortung des eigenen Standorts ist, zeigte Dr. Martin Reker bereits am Vormittag mit seinem Vortrag „Wem nutzt eine psychiatrische Klinik?“ Es gebe immer Interessenskonflikte und es sei wichtig, die alle zu kennen. So nannte er Beispiele aus der Klinik. Etwa „wenn ein Krankenhaus ökonimisch wirtschaften will“:  Dann gerate die Ökonomie mit der idealtypischen Behandlung in Konflikt, weil etwa die planbare Personalführung einer Notfallbehandlung widerspreche oder die stationäre Behandlung mehr Geld „einbringe“ als eine ambulante.

Dabei nannte Professor Joachim Körkel im Eingangsreferat die zeitintensive Betreuung als eine Prämisse der Suchthilfe. Unter der Frage „Was dürfen süchtige Patientinnen und Patienten? – Rechte und Pflichten von Menschen mit eingeschränkter Selbstkontrolle“ betonte er die Bedeutung einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Therapeut und Klient. Der Hochschuldozent Joachim Körkel, der nicht die völlige Abstinenz, sondern das kontrollierte Rauchen, Trinken oder Konsumieren als erreichbareres Ziel für seine Klienten ansieht, wünscht sich, dass Therapeutinnen und Therapeuten ihren Klienten  mit „offener Neugierde“ begegnen und in der Lage sind, die Situation aus der Klientenperspektive heraus zu betrachten und zuvorderst deren Recht auf eigene Entscheidungen zu achten.
Denn: „Autonomie geht vor Fürsorge“.

Eine Forderung, die von dem Erziehungswissenschaftler Professor Hans Thiersch vertieft wurde. „‘Wünsch Dir was!‘ für Suchtpatienten“ hatte er seinen Vortrag über die Lebensweltorientierung in der Suchtkrankenhilfe genannt. Denn gerade bei Suchtpatientinnen und -patienten gebe es eine Verengung des Blicks auf Probleme, die andere Facetten ihrer Lebenswelt außen vor ließen. Thiersch: „Und diese Gefahr ist groß, wenn man mit Menschen zu tun hat, die sich nicht wehren können.“
Grundlegende Anstöße, die die nahezu 200 Fachtagteilnehmerinnen und -teilnehmer in den insgesamt acht  anschließenden,  die verschiedensten Arbeitsfelder der in der Suchthilfe Beschäftigten spiegelnden Workshops vertieften.
Die „Schnittstellenproblematik“ wird sich, wie Thomas Bader während der Schlussdiskussion sagte, nicht lösen lassen. Wohl aber gelte es, gegen den „knallharten Wettbewerb“ der verschiedenen Stellen anzugehen. „Aber da müssen wir uns an den Altvorderen der DGSP orientieren, politisch arbeiten und Einfluss auf Prozesse nehmen.

Dazu passt das Zitat eines der Mitgründer der DGSP und Mitglieds im DGSP-Fachausschuss Sucht, Dr. Niels Pörksen, der sagte: „Wir müssen unsere therapeutischen Schneckenhäuser verlassen, uns in die Sozial- und Gesundheitspolitik vor Ort einschalten, denn das, was wir wollen, wird auf der politischen und nicht auf der therapeutischen Bühne entschieden.“