Psychosebegleitung und Neuroleptika: Es ist nicht erlaubt, was wir da tun!

Bad Honnef, 3.-4. Juni 2016
„Wissen sammeln, um die Psychiatrie zu verändern“ – mit diesem Motto begrüßte Christel Achberger, Diplom-Psychologin und freiberufliche EX-IN-Trainerin, die Teilnehmenden der Tagung „Psychosebegleitung und Neuroleptika“ in Bad Honnef.
Um Möglichkeiten zu diskutieren, in der Psychose-Begleitung und -Behandlung Neuroleptika möglichst niedrig zu dosieren oder auf sie zu verzichten, waren am 3. und 4. Juni 2016 zahlreiche Psychose-Erfahrene, Profis und Angehörige aus dem ganzen Bundesgebiet zu der Veranstaltung des DGSP-Fachausschusses Psychopharmaka in das Katholisch-Soziale Institut in Bad Honnef gekommen.

Der Umgang mit Neuroleptika sei von entscheidender Bedeutung für die Weiterentwicklung der Psychiatrie, so Achberger. Sie machte Prinzipien stark, die die Selbstbestimmung der Betroffenen ermöglichen, und forderte eine Neuausrichtung des psychiatrischen Blickwinkels: weg von der Störung im Hirnstoffwechsel und hin zu einem ganzheitlichen, hilfreichen Krankheitsverständnis. In ihrer Einführung in das Tagungsthema plädierte Renate Seroka, Angehörige und Sprecherin der DGSP-Fachausschusses, dafür, gemeinsam differenzierte, innovative Methoden der Psychose-Begleitung zu entwickeln, denn „nur auf Medikamente zu verzichten, wird wahrscheinlich nicht erfolgversprechend sein!“
In seinem anschließenden Vortrag ging Dr. Dr. Jann E. Schlimme, niedergelassener Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Gastwissenschaftler an der Charité, der Frage nach, warum das Genesen mit Medikamenten so außerordentlich schwer ist. Er beschrieb die Hemmung kognitiver Fähigkeiten durch Neuroleptika und erläuterte alternative Möglichkeiten, bei einer akuten Psychose eine reizdosierte Umgebung zu schaffen.
Dr. Peter Lehmann, Autor und Verleger, vertiefte die Darstellung der unerwünschten Wirkungen von Neuroleptika und legte besonderes Augenmerk auf Toleranzbildung und die Entwicklung von Abhängigkeiten. Nach dem Ende von Lehmanns Erläuterungen verlieh Christel Achberger der Bestürzung über die schädigende und leichtsinnige Verordnungspraxis, die im Publikum deutlich spürbar war, Ausdruck: „Ich denke, es ist nicht erlaubt, was wir da tun“. Die EX-IN-Genesungsbegleiterin Kornelia Birkemeyer schilderte ihre eigenen Erfahrungen mit Neuroleptika. Vor allem ihre Genesung und ihr Weg zur Dosisreduktion stießen auf großes Interesse und machten Mut, das Dogma der lebenslangen Neuroleptika-Einnahme infrage zu stellen.

Derart gut vorbereitet und angeregt starteten die Teilnehmenden in die erste Workshop-Phase. Zur Auswahl standen Foren zu den Themen ärztlich begleitetes Reduzieren und Absetzen, Stimmenhören, Prä-Therapie, Stabilisierung und Entspannung in der Selbsthilfe und EX-IN-Kurse. Im ersten Forum angeboten von  Schlimme und Dr. Thomas Hummelsheim, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Neurologe, diskutierten die Teilnehmenden Probleme, die sie im eigenen beruflichen oder privaten Kontext im Hinblick auf die Neuroleptika-Reduktion erleben. Der Workshop Stimmenhören verstehen wurde von der Diplom-Heilpädagogin Senait Debesay und dem Diplom-Sozialpädagogen Joachim Schnackenberg, beide vom efc-Institut (Experience Focussed Counseling), geleitet. Debesay und Schnackenberg machten deutlich, dass das Stimmenhören an sich nicht pathologisch ist und gaben Hinweise dazu, wie Stimmenhörer einen Umgang mit den Auswirkungen finden können.
Der zweite Tag der Veranstaltung begann mit einem Vortrag von Dr. Nils Greve, Diplom-Psychologe und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, zum Thema Bedürfnisangepasste Behandlung und offener Dialog. Greve erläuterte an Beispiel einer Region in Finnland, wie die bedürfnisangepasste Behandlung bei Psychosen aussehen kann.

Nach der zweiten Workshop-Phase kamen die Teilnehmenden zur Auswertung der Tagung zusammen. Angehörige, Psychose-Erfahrene und Profis tauschten sich über die gewonnenen Erkenntnisse aus und bekräftigten die Notwendigkeit, entschlossen auch gegen die Beharrungskräfte in den Institutionen anzugehen.