Psychose-Begleitung und Neuroleptika. Über Möglichkeiten in der Psychose-Begleitung und-Behandlung Neuroleptika möglichst niedrig zu dosieren und auf sie zu verzichten

2. Fachtag des DGSP-Fachausschusses Psychopharmaka
in Neudietendorf bei Erfurt am Freitag, den 5. Mai 2017

Tagungsbericht

Zum Fachtag des Fachausschusses Psychopharmaka kamen ca. 100 Personen nach Neudietendorf bei Erfurt. Der Einladung in das beschauliche Zinzendorfhaus waren sowohl professionelle Mitarbeiter*innen als auch viele Betroffene und Angehörige gefolgt, so dass gute Bedingungen für einen trialogischen Austausch gegeben waren. In ihren Begrüßungsworten betonte Christel Achberger, Vorsitzende des DSGP-Vorstands, dass Patienten, die Neuroleptika reduzieren oder absetzen möchten, nicht alleingelassen werden dürfen, sondern Rückhalt und Begleitung brauchen. Hierfür sei es wichtig, dass Ärzten die Möglichkeit gegeben werde, hiermit verbundene Leistungen auch abrechnen zu können. Um dies zu erreichen, stellt die DGSP einen Antrag an den Gemeinsamen Bundesausschuss, zu dessen Unterzeichnung Christel Achberger alle Tagungsteilnehmer*innen aufrief.

Renate Seroka, Sprecherin des Fachausschusses Psychopharmaka der DGSP, hieß die Anwesenden ebenfalls willkommen und stellte fest, dass sich eine zunehmende Einstellungsänderung gegenüber der Behandlung mit Neuroleptika beobachten ließe. Beispielsweise würden die durch die Medikamente ausgelösten Rezeptorveränderungen zunehmend als Problem gesehen. Zudem wachse das Bewusstsein dafür, dass „viel auch viel schaden könne“ und therapeutisches Arbeiten erst bei einer geringeren Dosierung gelingen könne.

Der Psychiater und Psychotherapeut Jann E. Schlimme stellte in seinem Vortrag »Modell und Grundprinzipien des Genesungsprozesses und der Stellenwert der Neuroleptika« mithilfe eines Bildes des Berliner Hauptbahnhofs anschaulich dar, dass die sogenannte Normalität bei den meisten Menschen eine passive »Leistung« sei: Auch im Durcheinander des Bahnhofs finde der »gesunde Mensch« seinen Weg zum richtigen Bahnsteig. In der Psychose ginge diese »selbstverständliche Vertrautheit« und die Orientierung in unserer Welt voller Zeichen und potenzieller Bedeutungen verloren. Alle Zeichen erhielten nun Bedeutung. Hierdurch entstehe eine Atmosphäre der Überforderung und Angst. Die Psychose entstehe dann auch als Schutz vor dieser Überforderung. Für den Genesungsprozess sei zunächst ein »bedeutungsdosierter Sozialraum« wichtig, in dem es Patienten gelinge, überhaupt dabei zu sein. Anhand von Fallbeispielen erläuterte Schlimme dann, wie Patienten eigene Genesungsschritte beschreiben und welche Copingstrategien sie finden können, um in der sozial geteilten Normalität zu bleiben oder hierhin zurückzukehren. Eine gelungene Genesung könne schließlich darin bestehen, den Psychoseteil entweder als Teil der eigenen Person anzunehmen oder darin, ihn sozusagen neben sich zu »parken« - wohlwissend, dass er immer wieder aktiviert werden könne. Jedenfalls müsse letztlich eine persönliche Einstellung zur Psychoseerfahrung gefunden werden.
Hieran anschließend ging Schlimme auf Nutzen und Risiken der Behandlung mit Neuroleptika ein. Für den Patienten selbst bedeuteten die Medikamente zunächst Schmerzfreiheit, bei zu hoher Dosis aber auch einen »Mantel der Vergessens«, der eine Auseinandersetzung mit der Psychoseerfahrung oder anderen Krisen unmöglich mache. Anhand von Studien beleuchtete er, dass die Einnahme von Neuroleptika über einen Zeitraum von einigen Jahren durchaus hilfreich sein könne, es langfristig aber denjenigen Patienten besser ginge, die nach einer gewissen Zeit die Medikamente reduzierten oder absetzten. Er betonte, dass eine Reduktion insbesondere nach langjähriger und hochdosierter Einnahme immer langsam und schrittweise zu erfolgen habe.

Die Ex-Inlern Thelke Scholz berichtete in einem bewegenden Beitrag ihre Krankheits- und Recovery-Geschichte. Sie selbst bezeichnete sich als »seelisch Verwundete«, die nach vielen Jahren mit Neuroleptika diese schrittweise abgesetzt und sich so ihr »Leben zurückerobert« habe. Dies sei »ein ständiges Ringen um Normalität« gewesen, bei dem sie viel Unterstützung und Verständnis gebraucht habe. Offen und schonungslos stellte sie ihren Weg dar und ließ auch die Herausforderungen nicht aus, denen sie sich heute ohne Neuroleptika zu stellen hat. Schließlich fasste sie in einer »Landkarte ihrer Heilung« anschaulich und konkret zusammen, was auf ihrem Weg wichtig gewesen sei. Ihr Antrieb war die Lust auf das Leben, dabei hat sie großes Vertrauen ins Gesundwerden gewonnen.

Nachmittags fanden fünf verschiedene Workshops statt, von denen hier nur zwei berichtet werden können. Im Workshop »Medizinische Aspekte beim Absetzen und Reduzieren« diskutierten die Psychiater Jann E. Schlimme und Thomas Hummelsheim mit Professionellen und Betroffenen verschiedene Wege, Methoden und Schwierigkeiten beim Reduzieren. Die Profi-Teilnehmer*innen wie auch die Betroffenen hatten viele sehr konkrete Fragen und teilten ihre Erfahrungen mit. Die Betroffenen benannten in ihren Fragen vielfältige Anliegen, beispielsweise die nach Substitutionsmöglichkeiten, die Probleme einen aus ihrer Sicht geeigneten Psychiater zu finden und Begleiterscheinungen wie Ängste, soziale Phobien und Rückfallerfahrungen. Die Teilnehmer*innen fanden in dem Forum gute Gelegenheiten, sich mit Argumenten und konkreten Methoden zum Reduzieren und bei der Begleitung des Reduzierens zu stärken sowie an den geschilderten Erfahrungen zu partizipieren. Dabei wurde deutlich, mit wie vielen Probleme und Mythen reduzierungswillige Personen konfrontiert werden. Der Austausch und die positiven Erfahrungsaspekte konnten aber sehr wohl zur Unterstützung dienen und Mut machen, so dass viele Teilnehmer frisch gestärkt aber auch sehr nachdenklich aus dem Forum herausgingen.

Im Workshop »Modifizierte psychodynamische Psychosentherapie« stellte der Psychoanalytiker und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin Günter Lempa seinen Ansatz der psychodynamischen Behandlung bei der Schizophrenie vor. Zunächst erläuterte er, dass die Psychose nach klassischem psychoanalytischem Verständnis durch unerträgliche Gefühle zustande komme. Durch die Psychose würde das Erleben dieser Gefühle verhindert, in der Therapie könnten sie dann sozusagen von außen zurückkommen. Wesentlich für die Psychose sei weiterhin das Identitätsdilemma, bei dem sich der Mensch nach Nähe zu anderen sehne und gleichzeitig hiervor große Angst habe. Wichtig für die Behandlung sei deshalb zunächst und in ganz besonderer Weise der Beziehungsaufbau. Nur wenn es eine vertrauensvolle Beziehung gebe, könne das Identitätsdilemma in der Beziehung zum Therapeuten modellhaft abgemildert und das desorganisierte Ich wieder reorganisiert werden. Erst danach könne es in der Therapie um die Rekonstruktion und Interpretation aktueller und vergangener Beziehungserfahrungen gehen. Für psychiatrieerfahrene Teilnehmer ebenso wie für im psychiatrischen Umfeld Tätige bot das Forum eine gute Gelegenheit, einen vielen bislang eher unbekannten Therapieansatz kennenzulernen.

Fünf Personen der Leipziger Selbsthilfegruppe „Barfußläufer“ stellten zum Abschluss ihre persönliche Krankheits- und Behandlungsgeschichte dar und untermalten dies mit heiteren Eigenkompositionen und -texten.

Mehrfach wurde während der Tagung berichtet, wie hilfreich die DGSP-Broschüre „Neuroleptika reduzieren und absetzen“ sei. Sie lässt sich weiterhin in der Geschäftsstelle bestellen oder hier unter Downloads herunterladen. Der Antrag an den Gemeinsamen Bundesausschuss für bessere finanzielle Voraussetzungen einer guten Begleitung und Beratung beim Reduzieren von Psychopharmaka ist ebenfalls im unteren Downloadbereich abzurufen. Die Liste kann gerne ausgedruckt und unterschrieben an die Geschäftsstelle der DGSP geschickt werden.

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