Fachtag „Psychosebegleitung und Neuroleptika"

► 17. Mai 2019 | Lübeck

Der Fachausschuss Psychopharmaka der DGSP hat am 17. Mai 2019 in der Dorothea-Schlözer-Schule in Lübeck zum Fachtag „Psychosebegleitung und Neuroleptika – Über Möglichkeiten, in der Psychosebegleitung und -behandlung Neuroleptika möglichst niedrig zu dosieren und auf sie zu verzichten“ eingeladen.

Die 120 Teilnehmer*innen wurden zunächst von Christel Achberger aus dem geschäftsführenden Vorstand der DGSP und von Anja Siegel, der Schulleiterin der Dorothea-Schlözer-Schule, begrüßt. Renate Seroka verband als Sprecherin des Fachausschusses mit ihrer Begrüßung gleich eine Forderung: „Jeder Arzt, der ein Medikament ansetzt, muss auch wissen, wie er es wieder absetzt.“ Zudem müsse jeder Arzt bereit sein, den Absetzprozess auch zu begleiten.

PD Dr. Jann E. Schlimme stellte das von ihm und Prof. Dr. Burkhart Brückner entwickelte Modell  der abklingenden Psychose vor. In der Psychose sei die Umwelt mit zu vielen Bedeutungen verknüpft, dies führe zu Überforderung und zu einer Überlagerung der sozial geteilten Realität durch die psychotische Realität. Im Genesungsprozess lerne der Mensch, diese beiden Realitäten wieder voneinander zu trennen. Wichtig sei dabei, sich auch mit der Psychoseerfahrung auseinanderzusetzen und ihr Raum zu geben. Der Einsatz von Neuroleptika könne als  kurzzeitige,  niedrigdosierte  Intervalltherapie  in Krisenzeiten hilfreich sein. „Längerfristig führt die Medikation jedoch eher zu einer Verschlechterung  der  Genesung  wegen  sekundärer  Negativsymptome  und kognitiver Einschränkungen“, so Schlimme.

Joachim Schnackenberg, Leiter des Bereichs Stimmenhören und Recovery in der St. Ansgar gGmbH und in der Stiftung Diakonie Kropp, bedauerte in seinem Vortrag, dass bei Mitarbeiter*innen im Hilfesystem das Stimmenhören psychotischer Patient*innen häufig ausschließlich pathologisch gesehen werde, das es zu beenden gelte. Dabei sei es notwendig, die Stimmen als „Schlüssel zu vergangenem und gegenwärtigem Leid zu betrachten statt als nicht verstehbare Pathologie“. Insofern sei es aus seiner Sicht wichtig, die Betroffenen darin zu unterstützen, mit den Stimmen in Dialog zu treten. Er forderte einen Paradigmenwechsel und eine andere Haltung solchen Menschen gegenüber, die Stimmen hören: „Es braucht das Bemühen um einen verstehenden Zugang.“

Bea Bielecki schilderte als Betroffene sehr persönlich und eindrucksvoll ihren Lebensweg, der von Vernachlässigung und Misshandlung geprägt war. Unterstützt durch Helfer habe sie sich heute mit ihren Stimmen versöhnt. Stolz berichtete sie, dass sie mittlerweile in einer eigenen Wohnung lebe.

Nachmittags fanden fünf Workshops statt. Jann E. Schlimme informierte gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. med. Thomas Hummelsheim über medizinische Aspekte beim Absetzen von Psychopharmaka. Im Workshop von Joachim Schnackenberg hatten die Teilnehmer*innen Gelegenheit, sich in einer praktischen Übung mit dem Stimmenhören auseinanderzusetzen. Dion Van Werde stellte den Ansatz der Prätherapie vor, Dr. med. Hans Schultze-Jena die modifizierte psychodynamische Psychosenpsychotherapie, und bei Dominique Wenzel konnten die Teilnehmer*innen die Integrative Körpertherapie kennenlernen.

Am Ende trugen Thelke Scholz und Christoph Reinstadler vom Fachausschuss Psychopharmaka gemeinsam mit dem Publikum Faktoren zusammen, die gut tun und psychische Gesundheit fördern. Zahlreiche Tagungsteilnehmer*innen nannten hier: in der Natur sein, Gartenarbeit, körperliche Aktivität sowie gegenseitiger Respekt und Wertschätzung. Letztlich Altbekanntes - das dennoch in der Praxis häufig zu kurz kommt.