Das Weddinger Modell

FachgesprächONLINE des Fachausschusses NPOG

Der DGSP-Fachausschuss »Netzwerk: Psychiatrie ohne Gewalt« (NPOG) stellte mit der Veranstaltung gute Methoden der Zwangsvermeidung an Praxisbeispielen dar und thematisierte das sogenannte »Weddinger Modell«, mit dem seit Dezember 2010 neue Wege in der stationären Behandlung beschritten werden, die auch neue Maßstäbe für die ambulante Behandlung setzt: Der Patient ist grundsätzlich – anders als üblich – bei Fallbesprechungen oder Therapieplanungen dabei.

Das Weddinger Modell ist zunächst im Alexianer St. Hedwig Krankenhaus erfolgreich implementiert worden und hat sich als Methode der Verringerung von Zwangsanwendungen bewährt.

In diesem Fachgespräch stellten Expert*innen verschiedener Professionen der Klinik das Modell dar. Lieselotte Mahler ist mittlerweile in eine andere Klinik gewechselt und konnte berichten, wie das Modell und einzelne Elemente daraus übertragbar sind.

 

Chefarzt der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-​Krankenhaus in Berlin, Felix Bermpohl, startete mit seinem Input zum Setting der Klinik, die für rund 380.000 Menschen aus den Bezirken Mitte, Tiergarten und Wedding zuständig ist. Damit einhergeht ein spezielles Brennpunktmilieu, das seine Herausforderungen in der psychiatrischen Versorgung vorhält: fast ein Drittel der Klientel ist wohnungslos. Perspektivlosigkeit lässt Situationen schneller eskalieren als anderswo. Suchtmittelmissbrauch wirkt enthemmend und potenziert Gefahren für Behandelnde und Behandelte. Trotzdem ist die Klinik von jeher offen gegenüber neuen Ansätzen und ist dem Selbstverständnis nach der „sozialpsychiatrischste“ Standort der Charité, was die Implementierung des Weddinger Modells wohl erst möglich gemacht hat.


Im Anschluss referierte, aus technischen Gründen chronologisch einen Platz nach vorne gerückt, die Psychologin Angelika Vandamme vom SHK über ein zentrales Instrument, die konsequenten Nachbesprechungen von Zwangsmaßnahmen aus allen beteiligten Positionen. Ein wirkungsvolles Mittel zur Vermeidung neuerlicher Vorkommnisse, das zwar nicht immer den lieben Frieden herstellt, doch aber das gegenseitige Verständnis stärkt und damit auch den gefühlten Kontrollverlust mindert. 


Schließlich zeichnete Ina Jarchov-Jadi, Pflegedirektorin am SHK, den Prozess der Implementierung und die Kerninhalte des Weddinger Modells nach – von der ersten Initiative der damaligen Oberärztin Liselotte Mahlers in der Gerontopsychiatrischen Tagesklinik, bis hin zur Fixierung im Konzept und der stetigen Weiterentwicklung und evaluierende Maßnahmen. Zentral war und ist die konsequente Patientenzentrierung, sowohl in der Mitbestimmung als auch unter Einbeziehung der subjektiven Situation außerhalb der Klinik, und eine bessere professionsübergreifende Kommunikation: „Starre Strukturen sind Gift.“ Das bedeute aber auch: geteilte Verantwortung, gemeinsames Risiko, keine gegenseitigen Schuldzuweisungen – im Endeffekt Vertrauen, das ein konstruktives Klima herstellt. Nicht an allen Ecken ein willkommener Prozess, der offenbar aber davon profitiert hat, dass das Weddinger Modell top-to-down eingeführt und auch gegen etwaige Widerstände konsequent durchgesetzt wurde.  


Liselotte Mahler selbst, mittlerweile Chefärztin Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie I an den Kliniken im Theodor-Wenzel-Werk, spannte schließlich in ihrem Part den Bogen zum eigentlichen Kern: Was passiert eigentlich für jeden Beteiligten, wenn Zwangsmaßnahmen angewendet werden? Und welche Erkenntnisse, die eben auch innerhalb des Implementierungsprozesses errungen wurden, können helfen, zukünftige Eskalationen zu vermeiden? Darüber hinaus erörterte sie anhand beeindruckender Erfolge an ihrer neuen Klinik die Wirkung, die das Weddinger Modell auch in anderen Einrichtungen nach sich ziehen kann.

Referent*innen:

Ina Jarchov-Jadi, Pflegedirektorin Alexianer St. Hedwig-Krankenhaus

Angelika Vandamme, Psychologin Alexianer St. Hedwig-Krankenhaus

Lieselotte Mahler, Chefärztin Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie I, Kliniken im Theodor-Wenzel-Werk

Felix Bermpohl, Chefarzt Alexianer St. Hedwig-Krankenhaus