DGSP-Jahrestagung 2019

HILFE UND ZWANG - ALTER WIDERSPRUCH IM NEUEN GEWAND?

► 5.-7. Dezember 2019 | Leverkusen

Vom 5. bis 7. Dezember fand die DSGP-Jahrestagung 2019 statt. 350 Teilnehmer*innen waren in das für sein Jazzfestival bekannte Forum in Leverkusen gekommen, um über diese Fragen zu diskutieren:

  • Verändert sich die Balance zwischen Hilfe- und Kontrollfunktion der Psychiatrie?
  • Verändert sich der gesellschaftliche Auftrag an die Psychiatrie – wenn ja, wie?
  • Ist die Psychiatrie als System unter den gegebenen Rahmensetzungen in der Lage, den veränderten Ansprüchen gerecht zu werden?

Tagungsprogramm

Zu der rundum gelungenen Veranstaltung trugen tolle Referent*innen bei, viele junge Tagungsteilnehmer*innen, differenzierte Tagesrückblicke aus Sicht Psychiatrie-Erfahrener und eine spektakuläre Tagungsfete. Vielen Dank an das Tagungsteam unseres Landesverbands RGSP für die großartige Arbeit!

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Mitgliederversammlung

Im Rahmen der Jahrestagung fand auch die Mitgliederversammlung statt. Hier wurde u.a. der neue Vorstand gewählt. → Lesen Sie mehr

Eindrücke von der Tagung

Nach der Begrüßung durch Christel Achberger, die erste Vorsitzende der DGSP, betonte Gudula Hommel (Leiterin des Referats Psychiatrie/Maßregelvollzug Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW) in ihren Grußworten: Es gehe darum, Alternativen zu Zwang zu entwickeln. Man brauche eine wohnortnahe Versorgung, ausreichend qualifiziertes Personal und flexible Behandlungsangebote.


Der Journalist und Schriftsteller Jürgen Wiebicke bot einen beeindruckenden Einstieg in die Tagung. Er outete sich gleich als "Laie" sowohl im Fachgebiet als auch ganz allgemein - und betonte, dass diese Haltung, Laie zu sein, viele Möglichkeiten biete, mit dem Gegenüber ins Gespräch zu kommen. Als Laie sei er vier Wochen durch Deutschland gewandert und habe im Gespräch mit ganz verschiedenen Menschen festgestellt, dass es wenig Zuversicht gebe und dass ein Gefühl der Ohnmacht verbreitet sei. Gleichzeitig sei ihm häufig von einer Sehnsucht nach Vergemeinschaftung berichtet worden. Durch Orte des Zusammenkommens, Redens und Zuhörens könnten Emotionen Worte werden - dies sei wichtig für den einzelnen Menschen und letztlich für die Demokratie.


Dr. Heinz Kammeier, Jurist und Mitglied des erweiterten Vorstands der DGSP, zeichnete in seinem Vortrag die Entwicklung und Stärkung des Rechts auf Selbstbestimmung nach. Weiterhin ging er dann insbesondere auf die Änderungen im Selbstverständnis und hinsichtlich der grundlegenden Aufgaben der Psychiatrie ein. Er stellte fest, dass es einen öffentlichen Diskussion darüber brauche, ob und wie der Hilfe- vom Sicherungsauftrag der Psychiatrie gelöst werden kann, insbesondere wenn psychisch beeinträchtigte Menschen sich nicht behandeln lassen wollen und die psychiatrisch Tätigen dies dann auch nicht mehr dürfen.


Der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Michael Winterhoff sprach über seine Erfahrungen mit Kindern und jungen Erwachsenen, denen er emotionale Unreife und mangelnde Empathie diagnostiziert. Viele von ihnen seien auf der emotional-sozialen Stufe eines 10- bis 16-monatigen Kleinkinds stehengeblieben und lebten nur lustorientiert. Grund für diese Entwicklung sei die fehlende Bindung und Beziehung zu einem verlässlichen Gegenüber, das Zeit habe, Orientierung biete und klare Vorgaben mache. Wenn den Kindern ein solches Gegenüber und mehr Ruhe geboten würde, dann sei "Nachreifen" möglich. Mehr Personal in Kindergärten und Schulen sei dafür unerlässlich.


Am folgenden Nikolaustag machten Michael Waibel (Fachkrankenpfleger für Psychiatrie) und Dr. Martin Zinkler (Psychiater und Psychotherapeut) aus Heidenheim den Einstieg und stellten ihr Behandlungskonzept vor. Waibel berichtete, dass bei ihnen 2:1- oder 3:1-Betreuungen regelhaft seien und als wirksame Intervention verstanden würden, die zu einer drastischen Reduktion von Zwangsmaßnahmen beitragen. Zinkler entwarf in seinem Vortrag eine Psychiatrie der Zukunft, in der die Klinik von allen ordnungsrechtlichen Pflichten entbunden würde und freiheitsbeschränkende Maßnahmen nur noch von der Polizei durchgeführt würden.


Im Folgenden sprach Dr. Ralph Marggraf, ärztlicher Direktor der LVR-Klinik Viersen, über seine Erfahrungen mit Angeboten der stationsäquivalenten Behandlung (StäB). Hierbei werden Patient*innen nicht in der Klinik, sondern im häuslichen Umfeld behandelt. Für viele Patient*innen sei dieses Angebot hilfreich, beispielsweise wenn sie zuvor negative Erfahrungen in der Psychiatrie gemacht hätten oder wenn sie zu Hause Kinder versorgen müssten. In seinem Team würden nur sehr erfahrene Kolleg*innen für diese Aufgaben eingesetzt. Marggraf zog eine positive Bilanz, erstaunlicherweise sei auch der Kontakt bei StäB häufig intensiver als auf der Station.


Dirk Lewandrowski (Jurist und Leiter des LVR-Dezernats 7 Soziales sowie Mitglied des Projektbeirates zur Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes beim Deutschen Verein) beschrieb in seinem Vortrag "Vom Bohren dicker Bretter - Ein- und Ausblicke in den Umsetzungsprozess des BTHG", was im Hinblick auf Teilhabe von psychisch beeinträchtigen Menschen bislang erreicht und was noch zu tun ist. Der Landesrahmenvertrag sei der Schlüssel zur Umsetzung des BTHG. Der Referent gab Einblicke in den Landesrahmenvertrag NRW, der im Juli 2019 unterzeichnet wurde und im Vergleich sehr umfangreich sei.


Dr. Manuel Rupp (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie) aus Basel referierte anschließend zu herausfordernden Situationen in der Betreuungsarbeit. Sein Thema war der Schutz der körperlichen und psychischen Unversehrtheit von Mitarbeitenden und Patient*innen. Gegenstand des therapeutischen Prozesses sei zunächst im Zusammenspiel von Patient*in, Institution und Behander*in die Verhandlung eines realistischen lösbaren Auftrags. Dann gelte es Rahmenbedingungen für diese lösbare Aufgabe zu schaffen. Für die Diskussion mancher Thesen wie der verpflichtenden Einnahme  von Medikamenten war Zeit im anschließenden Workshop.


Am Samstagmorgen berichtete Matthias Rosemann (Psychologe, Soziolge und Geschäftsführer der Träger gGmbH) vom Forschungsprojekt "Vermeidung von Zwangsmaßnahmen im psychiatrischen Hilfesystem", das vom Bundesministerium für Gesundheit von 2016 bis 2019 an mehreren Orten  durchgeführt wurde. Noch vor Veröffentlichung des Abschlussberichtes gab Rosemann auf der DGSP-Jahrestagung einen Überblick über zentrale Ergebnisse.


Peer-Counselor Hans-Gerd Dohr erzählte auf beeindruckende und persönliche Weise von seiner Lebens- und Krankengeschichte. In sogenannten manischen Phasen habe er sich sich selbst und anderen gegenüber schädigend verhalten, was er rückblickend bereue. Wichtig sei für ihn deshalb: Er wolle kein Recht auf Krankheit. Es gebe Phasen, da wolle er vor sich selbst geschützt werden. Mittlerweile habe er für sich geeignete Maßnahmen getroffen, damit er sich darauf verlassen könne, dass er auch unter Umständen gegen seinen (manisch geprägten) Willen behandelt werde. Der Vortrag wurde gefilmt. → Film ansehen


Die Psychologin Dr. Candelaria I. Mahlke und die Peer-Forscherin Sophie Müller forschen gemeinsam im Projekt EmPeeRie (Empower Peers to Research), einem Hamburger Projekt zur Förderung von partizipativer und betroffenenkontrollierter Forschung. In Leverkusen stellten sie ihre Sicht auf die S3-Leitlinie "Verhinderung von Zwang: Prävention und Therapie aggressiven Verhaltens bei Erwachsenen" dar. Man sei auf dem richtigen Weg, aber es gebe weiterhin viel zu tun, so ein Fazit. Beispielsweise sei es wichtig, dass Psychiatrie-Erfahrene und Angehörige in allen Phasen eines Forschungsprojekts in ausreichender Personenzahl beteiligt seien.


Im letzten Vortrag gab die in den Niederlanden tätige Psychiaterin Tanja Berger einen Überblick über dortige neue gesetzliche Rahmenbedingungen in der Behandlung von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. In vielen Punkten sah sie die niederländische Psychiatrie der deutschen voraus. Beispielsweise seien Nachbesprechungen von Zwangsmaßnahmen unter Beteiligung von EX-INlern fest implementiert. Fixierungen gebe es (im Gegensatz zur Zwangsmedikation) so gut wie gar nicht. Außerdem hätten Patient*innen in den Niederlanden schon länger eine umfangreichere Wahl zwischen Behandlungsangeboten.


Christel Achberger bedankte sich abschließend bei allen Referent*innen und Tagsungsteilnehmer*innen für eine abwechslungsreiche Tagung mit lebendigen Diskussionen.

Einen ausführlichen Tagungsbericht und eine Dokumentation der Tagungsbeiträge finden Sie ab April 2020 in der Ausgabe 2/20 der »Sozialen Psychiatrie«.