Bericht zum Fachtag »Arbeit ist ein Teilhaberecht« am 6. Februar 2013 in Dortmund

Zu dem Fachtag »Arbeit ist ein Teilhaberecht« hatte die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e. V. in Kooperation mit der Stadt Dortmund in das Dortmunder Dietrich‐Keuning‐Haus eingeladen. Hier ein Bericht über die Veranstaltung.


DORTMUND. Eigentlich war »alles ganz normal« im Leben der Kölnerin: Die Schullaufbahn bis zum Abitur, das Jurastudium, der vollgepackte Alltag mit dem Arbeitsleben als Anwältin auf der einen Seite und der Präsenz für die Familie auf der anderen. Bis plötzlich alles zu viel wurde, bis eine psychotische Episode dieser vermeintlichen Normalität ein Ende setzte. Und während die Kölnerin in der Rückschau von diesem Einschnitt erzählt, von der Verrentung, die schon bald nach ihrer ersten Einweisung in eine Klinik erfolgte, wird deutlich: Wer eine psychiatrische Behandlung benötigt, wird von der Gesellschaft ganz schnell ins Abseits gedrängt. Dabei fühlt sich die frühere Anwältin wieder sehr gut in der Lage, eine angemessene und auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Aufgabe bewältigen zu können. So wie zwei weitere Teilnehmer einer Podiumsrunde, die die Nöte und Bedürfnisse von Psychiatrie-Erfahrenen in der Arbeitswelt aus ihrer Sicht erzählten.

Diese Diskussionsrunde gehörte zu den eindrücklichsten Programmpunkten der Fachtagung »Arbeit ist ein Teilhaberecht«, zu der rund 160 Teilnehmer gekommen waren, um über Tätigkeitsmöglichkeiten für Menschen mit einer psychischen oder einer anderen Beeinträchtigung zu sprechen. Ein aktuell gerade in Dortmund wichtiges Thema, betonte Dr. Ulrike Ullrich, die ärztliche Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Stadt Dortmund, in ihrem Grußwort. Denn derzeit drohten aus Kostengründen zahlreiche Fördermöglichkeiten des Jobcenters für dieses Klientel wegzufallen. Dabei, so zeigten die drei Betroffenen im Podiumsgespräch, ist Arbeit auch oder vielleicht sogar gerade für Psychiatrie-Erfahrene eine wichtige Facette des Alltags und der Genesung. »Arbeit ist wichtig«, erklärte da eine gelernte Jusitzmitarbeiterin, »aber es gibt Zeiten, in denen geht es nicht«. Sie hat, auch unter Anleitung des Integrationsfachdienstes, lernen müssen, nach Monaten der Depression nicht »wieder loszurennen wie vorher«.

Genau diese Balance ist es, die Psychiatrie-Erfahrene benötigen: Eine Aufgabe, die sie ausfüllt, ohne Überforderung zu sein. Alle drei Betroffenen schilderten zugleich den gesellschaftlichen Druck, der zusätzlich zu ihrer Krankheit auf ihnen lastet. »Es war mir wichtig, auf Partys sagen zu können, dass ich Arbeit habe«, hieß es, und die Anwältin formuliert deutlich: »Ich habe stets einen Burnout vorgeschoben, denn von einer Schizophrenie oder Psychose haben die Leute sehr komische Vorstellungen«. Immerhin, so unterstrich in seinem Vortrag zur Tagung noch einmal der Bundestagsabgeordnete Markus Kurth, Sprecher für Sozial- und Behindertenpolitik und Obmann im Bundestagsausschuss Arbeit & Soziales der Bündnis/Grünen, ist das gleiche Recht von Menschen mit Behinderungen auf Arbeit Teil der UN-Behindertenrechtskonvention, die einstimmig von allen Bundestagsabgeordneten verabschiedet worden ist und juristisch den Status eines Bundesgesetzes hat. »Wir sollten diese Konvention mit großem Selbstbewusstsein einfordern. Auch sei Inklusion eben nicht nur Thema des Schulsystems, in dem sie derzeit viel diskutiert werde, sondern auch des Ersten Arbeitsmarktes«.
Kurth: »Man ist nicht behindert, man wird durch die Umstände behindert«. In den Augen des Bundestagsabgeordneten werde die Erwerbsfähigkeit viel zu schematisch nach der »Drei-Stunden-Grenze«, also dem Umfang täglich leistbarer Arbeitszeit abgehandelt, seien Wartezeiten für die Akut- und anschließende Reha-Behandlung psychiatrischer Krankheiten viel zu lang und führten zu vermeidbaren Folgekosten. »Enorme Kosten ergeben sich daraus für die deutsche Volkswirtschaft«, zitiert Kurth etwa aus einer Studie, die das Max-Planck-Institut für Psychiatrie im Auftrag der Allianz Privaten Krankenversicherung nur für das Thema »Depression« vorgelegt hat: Allein das Thema »Depression« kostete, so der Stand im Jahr 2006, jährlich zwischen 15,5 und 21,9 Milliarden Euro − rund 0,88 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung.

Ein Problem, das wachsen wird, wie auch der Redner Dr. Ewald Rahn, der stellvertretende ärztliche Leiter der LWL-Klinik Warstein, mit Blick auf die jüngsten Arbeitsmarkt-Statistiken sagte: »Wir wissen alle, dass die Arbeitsunfähigkeitstage bei psychischen Erkrankungen zunehmen«. Dabei, nannte Rahn Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie, fühlen sich psychisch beeinträchtigte Menschen keineswegs entlastet, wenn sie verrentet und damit offiziell aus dem Arbeitsmarkt herausgenommen werden. Der Experte bestätigte damit das Tucholsky-Zitat, das eingangs die Moderatorin Cornelia Benninghoven quasi als Motto des Tages vorne angestellt hatte und das offenbar viele Jahrzehnte nach seiner Formulierung immer noch und für alle Menschen gilt: »Es muss eine Arbeit sein. Und man muss morgens hingehen können. Sonst hat das Leben keinen Zweck«.