6. gemeinsamer Fachtag: Begegnung mit süchtigen Klienten

Hamburg, 08.04.2016
Dass die Wohnungslage in Deutschland derzeit desolat ist, ist allgemein bekannt: Es mangelt an günstigem Wohnraum, insbesondere in den Ballungsgebieten. Immer weniger Wohnungen werden noch sozial gefördert und einkommensschwachen Menschen vorbehalten. Besonders zu spüren bekommen dies Personen in prekären Lebenssituationen, wie etwa suchterkrankte Menschen. Sie sind besonders von Wohnungslosigkeit bedroht. Doch ohne die eigenen vier Wände geht nicht nur ein wichtiger Bezugspunkt im Gemeinwesen, sondern auch ein Ort der Sicherheit, der Selbstbestimmung und des Rückzugs verloren. Der diesjährige Fachtag „Begegnung mit süchtigen Klienten“ in Hamburg, ausgerichtet von der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V. in Zusammenarbeit mit vier weiteren Fachverbänden, beschäftigte sich mit der Bedeutung des Lebensbereichs Wohnen für Menschen mit einer Suchtproblematik.

In seiner Begrüßung machte Thomas Bader, Sprecher des Fachausschusses Sucht der DGSP, auf ein zentrales Problem in der Arbeit mit suchterkrankten Klientinnen und Klienten aufmerksam: der schwierige Zugang zu den Hilfesystemen. Denn da die Vernetzung der einzelnen Dienste immer noch hinter den Ansprüchen zurückbleibe, sei der Weg in das passende Angebot oft eher dem Zufall überlassen. Damit warf er eine programmatische Frage auf: Wie können die Akteure im Umfeld der Sucht- und Wohnungslosenhilfen ein Netzwerk schaffen, das die Versorgung basaler Bedürfnisse von suchterkrankten Menschen sicherstellt – unter anderem das Bedürfnis nach Wohnraum.

Gerade das Stigma Sucht macht es Betroffenen auf dem Wohnungsmarkt sehr schwer. Wie ambivalent die gesellschaftliche Haltung zu Suchtmittelkonsum ist, erläuterte Dr. med. Darius Chahmoradi Tabatabai, Chefarzt der Hartmut-Spittler-Fachklinik Berlin, anhand des Beispiels Alkohol: Während mäßiger Konsum als „sozialer Katalysator“ seinen festen Platz im öffentlichen Leben habe, würden diejenigen, die den schmalen Grad der sozialen Akzeptanz überschreiten, marginalisiert – man wende sich von ihnen ab. Das Unbehagen und die Ablehnung, die alkoholabhängige Menschen oft in ihrem sozialen Umfeld erfahren, lasse die therapeutische Beziehung nicht unberührt: Auch in die Behandlung spielten immer wieder aggressive und moralisierende Affekte hinein.

Den Aspekt der therapeutischen Beziehung griff auch Dr. med. Martin Reker, Leiter der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethel in Bielefeld, in seinem Beitrag auf: Noch heute würden Wohnungslose oft zum Objekt degradiert, der Respekt für sie ständig infrage gestellt. Für die therapeutische Arbeit dürfe daraus jedoch nicht der Schluss gezogen werden, Abhängigkeit und Wohnungslosigkeit als eigenständige Lebensentscheidung vorbehaltlos zu akzeptieren. „Solidarität ist gut, reicht aber nicht“, so Reker. Besser sei es, anzustreben, dass Menschen wieder an ihre Ressourcen anknüpfen können. Es müsse also nicht darum gehen, den Status quo hinzunehmen, sondern Möglichkeiten zu eröffnen und Ansprüche zu artikulieren. Dazu gehöre auch, als Fürsprecher der Klientinnen und Klienten strukturelle Probleme wie die Verknappung günstigen Wohnraums politisch anzugehen.

Eine umfassende Darstellung des Wohnungsmangels und seiner Konsequenzen für besonders benachteiligte Menschen lieferte Stephan Nagel, Referent der Diakonie Hamburg. Er kritisierte die derzeitigen Maßnahmen zur Entspannung des Wohnungsmarktes als unzureichend. Selbst eine Steigerung des sozialen Wohnungsbaus würde nicht genügen, wenn nicht der Zugang für besonders Benachteiligte verbessert wird, etwa durch eine Bindung für besondere Bedarfsgruppen wie wohnungslose oder psychisch erkrankte Personen. Nur so könne das Credo „Housing first“ in die Praxis umgesetzt werden.

Am Nachmittag diskutierten die Teilnehmenden diese Fragen in neun Workshops, etwa im Hinblick auf Jugendliche und junge erwachsene Suchtkranke, im Kontext der gesetzlichen Betreuung, oder mit Augenmerk auf neue Modelle sozialen Wohnraums.

Das Paradigma der Vernetzung, bis hierhin „Leitstern“ des Fachtags, wurde in der Schlussdiskussion zwischen Martin Reker, Thomas Bader und Ulrich Kemper, polemisch von den Füßen auf den Kopf gestellt: Dr. med. Ulrich Kemper, Chefarzt der Bernhard-Salzmann-Klinik und der Klinik für Suchtmedizin, LWL-Klinikum Gütersloh, bezog Position gegen den total vernetzten, unentrinnbaren „therapeutischen Moloch“, in dem der belagerte Klient keine Chance mehr hätte, sich für die Dauer eines Rausches zu entziehen. Diese Vorstellung sorgte vielleicht auch deshalb für große Erheiterung im Saal, weil sie so unrealistisch wirkt angesichts der vielen Menschen, die von der Sucht- und Wohnungslosenhilfe – mangels Vernetzung – gar nicht erreicht werden. Und, wie Martin Reker anmerkte: Dieses Szenario drohe nicht, solange das Hilfe-Netzwerk in Einvernehmen und Abstimmung mit dem Klienten handelt. Dann nämlich kann es eine Vielzahl an Ressourcen bereitstellen, um ihn optimal dabei zu unterstützen, seine Fähigkeiten und Wünsche zu realisieren.