»Ein Thor, wer Böses dabei denkt« - Was tun, wenn psychiatrische Praxis auf Menschen mit extrem rechter Gesinnung trifft?

Ein Erfahrungsaustausch

FachgesprächONLINE

► 18. November 2022 von 15 - 17 Uhr | via Zoom

Der Erfahrungsaustausch fand am 18.11.22 mit 58 Teilnehmer:innen statt. Ein FGO mit gleichem Thema und gleichen Referent:innen fand auch im Juli 2021 statt. Referent:innen waren die Professorin für Soziale Arbeit und Beratung an der ASH Berlin, Marion Mayer, die Professorin für Geschichte, Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit, Esther Lehnert, der Psychiater Samuel Thoma und Friedemann Bringt, Fachreferent im Bundesverband Mobile Beratung e.V., der als Dachverband Mobile Beratungsteams gegen Rechtsextremismus Rassismus, Antisemitismus, Verschwörungserzählungen und Rechtspopulismus im gesamten Bundesgebiet vertritt.

Marion Meyer führte mit Zahlen und Fakten ein sowie Samuel mit dem Fallbeispiel, das er 2017 in taz und Psychosozialer Umschau veröffentlicht hat. Er ergänzte das damit, dass heute die Themen Corona und Ukraine-Krieg sehr bedeutsam sind, in Brandenburg nimmt er bspw. viele pro-russische Äußerungen war, dies sowohl auf der Ebene der Patient:innen und des Teams der Klinik.

Esther Lehnert berichtet über Gender und Rechtsextremismus, es werden falsche Mythen gepflegt, bspw. das der „friedfertigen Frau“, die unscheinbar und subtil für extrem rechte Inhalte wirbt, oft im Gewand von Naturschutz, Familienpflege und oft auch mit Sexyness. Das Phänomen wird auch „doppelte Unsichtbarkeit“ genannt (Frauen als weniger gewalttätig, politisch uninteressiert und der daraus folgenden Möglichkeit unentdeckter zu agieren).

Friedemann Bringt erklärt die Haltung und Methodik mobiler Beratung. Er nimmt rechtsoffene Proteste gegen aktuelle Krisen wahr, was zu einer diffusen Protestszene führt.


Eine Teilnehmerin aus Thüringen (Horizonte!) stellte dar, wie die Gruppendynamik mit den betreuten Menschen durch bestimmte Feindbilder erschwert werden kann. Sie werde häufig durch ihre Rollen „Frau“ und „Wessi“ als Feindbild projeziert.

Eine Teilnehmerin aus Dresden stellte ausführlich und bewegend ihre Sozialisation im ländlichen Sachsen dar, die mit dem Erwachsenwerden zur Spaltung führte: die eher Linken gehen in die Städte, die eher Rechten, die auch die Mehrheit sind, bleiben und stellen heute vor Ort eine fast schon homogene Einheit. In der örtlichen Schulkonferenz haben sich bspw. nur zwei Kinder nicht der AfD zugeordnet. Aus ihrer Sicht, handelt es sich aber bei den Menschen dieses Landkreises nicht um sozial abgehängte Personen, sondern um bürgerlichen Mittelstand, die dennoch voll hinter Pegida und/oder AfD stehen. Insgesamt berichtet sie von dramatischen Zuständen in Sachsen. Menschen mit rechten politischen Einstellungen unterwandern das System, qualifizieren sich bspw. fürs Lehramt, um gezielt Einfluss zu nehmen.

Der Austausch wurde von wenigen der Teilnehmer:innen sowie den Referent:innen dominiert, daher entstand die Idee, bei einem weiteren Angebot in kleineren Gruppen mehreren Personen die Gelegenheit zum Berichten und mitdiskutieren zu geben.


Zum FGO haben die Referent:innen ein Padlet eingerichtet:
https://padlet.com/Bringt/8r6t5emdbs24otnh

Zudem ist geplant, 2023 wieder ein FGO anzubieten, unter Umständen über drei statt zwei Stunden und mit Break-Out-Räumen, um mehr Personen in die Diskussion einzubinden. Außerdem ist geplant, das Thema als zweitägige Kurzfortbildung im DGSP-Bildungsangebot zu platzieren.

Referent:innen

Dr. Samuel Thoma ist Psychiater an der Immanuel Klinik in Rüdersdorf.

Prof. Dr. Esther Lehnert, Professorin für Geschichte, Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit. Forschungsschwerpunkte u.a. Gender und Rechtsextremismus. Selbst länger in der Beratungsarbeit gegen Rechtsextremismus beschäftigt. Gemeinsam mit Prof. Dr. Marion Mayer veröffentlicht sie zu den Gefahren des »Übersehens« von rechten Frauen* in Sozialer Arbeit und Beratung.

Prof. Dr. Marion Mayer ist Hochschullehrerin an der ASH Berlin mit dem Schwerpunkt Soziale Arbeit und Beratung. Sie leitet gemeinsam mit Prof. Dr. Lehnert und Dr. Bringt den Zertifikatskurs »Beratung und Netzwerkarbeit gegen extrem rechte und antidemotkratische Orientierungen«. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind u.a. Beratung und Intersektionalität, Arbeitsbedingungen und Formate von Beratung im Wandel. Soziale Arbeit und Beratung gestalten gesellschaftliche Verhältnisse mit und tragen damit auch Verantwortung in der Bearbeitung gesellschaftlicher Konflikte, die Ausgrenzung verstärken. Ein Umgang damit verlangt auf allen Ebenen psychosozialer bzw. sozialpsychiatrischer Arbeit eine aktive Reflexion, für die Gelegenheiten zu schaffen gilt.

Dr. Friedemann Bringt ist Fachreferent im Bundesverband Mobile Beratung e.V., der als Dachverband Mobile Beratungsteams gegen Rechtsextremismus Rassismus, Antisemitismus, Verschwörungserzählungen und Rechtspopulismus im gesamten Bundesgebiet vertritt. Mobile Beratung ist ein spezialisiertes Angebot, das Demokrat:innen in Zivilgesellschaft, Politik, Verwaltung und auch psychosozialen Beratungsstellen zum Umgang mit Ideologien der Ungleichwertigkeit und extrem rechten Akteur:innen berät und weiterbildet. Speziell für die sozialpsychiatrische Arbeit suchen wir nach fall- und kontextbezogenen Lösungen für die Sicherheit der Sozialprofessionellen, die Stärkung von deren Unterstützungssystemen sowie die selbstreflexive Befassung mit Chancen und Grenzen in der sozialpsychiatrischen Arbeit mit extrem rechten Klient:innen.