Interview vom 23. März 2020

Wie gelingt die Unterstützung psychisch erkrankter Menschen während der Coronakrise?

Im Gespräch mit Dr. Klaus Obert

Die Ausbreitung des Coronavirus in Europa und die Maßnahmen zur Eindämmung verändern in diesen Tagen massiv das Alltagsleben von uns allen.

Seit dieser Woche gilt das Kontaktverbot: Wir sollen möglichst zu Hause bleiben, Wege zur Arbeit und zu anderen wichtigen Terminen sind zwar weiterhin erlaubt genauso wie individueller Sport und Bewegung an der frischen Luft, aber darüber dürfen wir uns nur noch zu zweit oder mit Angehörigen aus dem gemeinsamen Haushalt draußen aufhalten.

Was bedeutet dies für Menschen mit psychischen Erkrankungen? Dr. Klaus Obert gibt uns eine Einschätzung.

Herr Obert, Sie leiten in Stuttgart die Sucht- und Sozialpsychiatrischen Hilfen der Caritas. Suchen aktuell mehr oder weniger Menschen bei Ihnen Hilfe als sonst?  

Bislang konnten wir noch keine Zunahme feststellen (Stand 23. März 2020). Jedoch berichtet die Telefonseelsorge über eine Zunahme von Telefonberatungen, die sich auf die Thematik des Coronavirus beziehen.

Wie sieht denn Beratung und Begleitung aus, wenn persönliche Kontakte so stark eingeschränkt werden müssen?

Im Gemeindepsychiatrischen Verbund (GPV) haben wir gemeinsam mit der Stadt den Ablauf und das Vorgehen festgelegt, beginnend mit den Sozialpsychiatrischen und Gerontopsychiatrischen Diensten, dem Psychiatrischen Pflegedienst und den Tagesstätten (Gemeindepsychiatrische Zentren) über das ambulante Wohnen und die „Besonderen Wohnformen“ sowie die Kooperation mit den Institutsambulanzen. Die Botschaft ist klar: Die GPZ sind geöffnet, allerdings mit so wenig persönlichen Kontakten und Beratungen wie möglich und einer starken Begrenzung der Hausbesuche. Telefonkontakte stehen jetzt im Vordergrund. Jeder Fachdienst verfügt über einen Notfallplan (Aufteilung der Teams) bis dahin, dass im Notfall trägerübergreifend (Fach-)Personal zur Verfügung gestellt werden muss. Schwierig gestaltet sich die Versorgung mit Schutzmasken etc.

Häufig kommt es derzeit bei Leistungserbringern wegen Quarantäne oder fehlender Kinderbetreuung zu personellen Engpässen. Welche Herausforderungen bringt dies in der Unterstützung psychisch erkrankter Menschen in Ihrer Region mit sich?

Noch ist diesbezüglich bei uns kein Notstand entstanden, was sich allerdings innerhalb von einigen Tagen schnell ändern kann. Wir versuchen prophylaktisch entgegenzuwirken, indem wir die Teams teilen, die dann jeweils einige Tage den Dienst aufrechterhalten und dann komplett tauschen und in engem Kontakt mit den anderen Leistungserbringern stehen (GPV als unverzichtbare Voraussetzung). Bei der Kinderbetreuung liegen mir noch keine kritischen Informationen vor, was sich jedoch von einem Tag auf den anderen schnell ändern kann.

Sind Ihnen aus Ihrer Region Selbsthilfeansätze bekannt, die mögliche Einbrüche in den Versorgungsstrukturen ansatzweise auffangen können?

Ja, sowohl private Initiativen als auch Hilfen und Unterstützung seitens der Wohlfahrtsverbände. Es handelt sich dabei um die Bereitstellung und Koordination von ehrenamtlichen Helfer*innen, die für Menschen zur Verfügung stehen, welche sich nicht mehr mit Einkäufen und Ähnlichem selbst versorgen können.

Wir hören derzeit von vielen Kooperationspartnern, dass die Organisationen der Leistungserbringer durch die Coronakrise in finanzielle Not geraten. Wie nehmen Sie die Situation wahr?

Bislang sind wir noch in einem relativ sicheren Zustand, was sich jedoch auch ändern kann gerade im einzelfallfinanzierten Bereich. Erste kontroverse Diskussionen mit dem Rentenversicherungsträger waren schon zu verzeichnen. Mit der Stadt Stuttgart besteht ein gutes und vertrauensvolles Einvernehmen, so dass diesbezüglich wahrscheinlich weniger Schwierigkeiten zu erwarten sein werden.

In diesen Tagen spricht man oft von „systemrelevanten Berufen“. Wenn Sie die Systemrelevanz der psychosozialen Hilfen in der aktuellen Krise auf einer Skala von 1 bis 10 zu bewerten hätten, wie sähe Ihr Urteil aus?

So wichtig wie im somatischen Bereich, also 8 bis 9.

Was müsste jetzt aus Ihrer Sicht getan werden, damit das Fortbestehen wichtiger Hilfsangebote gesichert ist?

Eine Umsetzung der gemeinsamen Verantwortung im Rahmen der regionalen Versorgungsverpflichtung. Dafür wird Flexibilität, improvisiertes Denken und Handeln, gegenseitige Unterstützung und Solidarität, Füreinander-da-Sein, Sich-aufeinander-Verlassen-Können, benötigt. Selbstverständlich benötigen wir dafür die nötigen Schutzmittel (Desinfektionsmittel, Schutzmasken etc.), die wie überall nicht genügend vorhanden sind. Ebenso liegen bislang noch keine Erfahrungen vor, dass Mitarbeiter*innen oder auch betreute Menschen einen einfacheren und priorisierten Zugang zur Testung haben, wenn sie die entsprechenden Symptome aufweisen.

Können Sie uns mit Blick auf die Zukunft eine erste Einschätzung geben, welche Lehren aus der Coronakrise aus Sicht der Leistungserbringer/psychosozialen Dienste zu ziehen sind?

Darauf ist nur schwer zu antworten. Wir wissen ja nicht, was noch alles auf uns zukommt. Voraussetzung dafür, um die Situation zumindest bis jetzt einigermaßen zu bewältigen, ist ein gut funktionierender GPV. Dies bedeutet, sich gegenseitig aufeinander verlassen zu können mit einer Vertrauensbasis und verbindlichen Absprachen. Des Weiteren: Es klingt fast schon antagonistisch: Wir benötigen in Zukunft eine noch dezentralere und flexiblere Organisierung der sozialpsychiatrischen Hilfen entgegen großer stationärer (klinischer) Einrichtungen.

Herr Obert, vielen Dank für Ihre Einschätzung!

Zur Person

Dr. Klaus Obert ist Diplom-Sozialpädagoge, Bereichsleiter der Sucht- und Sozialpsychiatrischen Hilfen im Caritasverband für Stuttgart, Sprecher des Trägerverbundes Sozialpsychiatrie in Stuttgart, Stellvertretender Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Gemeindepsychiatrischer Verbünde, Mitglied der Steuerungsgruppe des Netzwerks Sozialpsychiatrischer Dienste in Deutschland und Vorsitzender des DGSP-Landesverbands Baden-Württemberg.