Bericht zum Fachtag »Notfall Seele – Zwang und Gewalt, Macht und Ohnmacht« am 23. Mai 2013 in Frankfurt

Foto: Dörte Staudt

Zur Diskussion über eines der schwierigsten Themen in der psychiatrischen Behandlung hatten die Hessische und die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie sowie der Verein »Betreuungsgerichtstag« nach Frankfurt eingeladen. »Notfall Seele – Zwang und Gewalt, Macht und Ohnmacht« lautete der Titel des Fachtags.

»Psychiatrie hat immer auch einen rechtlichen Charakter, ob man das will oder nicht«, führt der Vorstandsvorsitzende der DGSP Friedrich Walburg ein. Nachdem Bundesverfassungsgericht und Bundesgerichtshof die lange geltenden Richtlinien im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention als rechtswidrig aufgehoben hatten, haben Bundestag und Bundesrat die betreuungsrechtliche Einwilligung in eine ärztliche Zwangsmaßnahme zu Beginn dieses Jahres neu festgeschrieben. Doch die Diskussion ist in den Fachkreisen längst nicht beendet. Zumal die Länder immer noch kein einheitliches Psychisch-Kranken-Gesetz erlassen habe, einige Bundesländern noch nicht einmal über ein Psych-KG verfügen.

Mit diesen drängenden Fragen um Zwang und Gewalt will die DGSP, so Walburg, weder die Klienten, noch deren Angehörige und auch nicht die in der Psychiatrie tägigen Mitarbeitenden alleine lassen. Mehr als 200 Teilnehmer hatten sich im Frankfurter Haus Gallus eingefunden. Teilnehmer, die die »Zwickmühle«, wie sie der Ärztliche Direktor der Psychiatrischen Klinik Lüneburg Sebastian Stierl in seinem Eingangsreferat beschrieb, aus verschiedensten Perspektiven kennen. Diese Zwickmühle, so Stierl, in der sich die Psychiatrie zwischen ihrer Funktion als helfende Instanz wie auch als ordnungspolitische Macht gefangen sieht. Das Dilemma, einerseits ganze Stationen und deren Personal mit einer Zwangsmaßnahme zu entlasten, wenn die Krise eines Einzelnen eine Schwelle überschritten habe. Und andererseits diesem Patienten die »Erfahrung der Selbstwirksamkeit« möglicherweise vorenthalten zu haben. Die Gratwanderung zwischen dem Vorwurf einer seiner Patientinnen, mit der Zwangsmedikation zu lange gewartet und sich damit sogar geradezu der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht zu haben. Und der Anklage anderer, die wie etwa der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener jeden erzwungenen Eingriff in den Körper »Folter oder zumindest folterähnlich« nennen.

Foto: Dörte Staudt

Wie sehr diese Zweifel Betroffene und Fachkräfte beschäftigen, zeigten die zahlreichen, sehr kontroversen Redebeiträge aus dem Publikum. Fest steht auf jeden Fall, da waren sich auch die nachfolgenden Referenten, die Richterin am Amtsgericht Hannover Annette Loer und der Professor für Psychiatrische Pflege Michael Schulz aus Bielefeld einig: Es fehlt an wissenschaftlichen Untersuchungen über Zwangsmaßnahmen in der stationären psychiatrischen Versorgung. Loer: »Es gibt Beispiele en Masse, aber keine Forschung, wie Zwang langfristig auf die Menschen wirkt.« Schlimmer noch, so Michael Schulz, werde in einigen Kliniken in der Gerontopsychiatrie die Fixierung noch nicht einmal dokumentiert.

Auf der anderen Seite aber gibt es Hoffnung machende Ansätze, wie Fixierung und Isolierung mit alternativen Methoden vermieden werden können. In vier Foren skizzierten Referenten in Kleingruppen verschiedene Erfahrungen. So stellte Stephan Debus, Privatdozent der Medizinischen Hochschule Hannover, ein Forschungsprojekt vor. »Was geschieht eigentlich in gefährlichen Situationen auf einer psychiatrischen Situation«, wollte der Wissenschaftler wissen, stellte reale Fallbeispiele in Teams szenisch nach und wertete die so entstandenen Filmaufnahmen wissenschaftlich aus. Mit dieser an das Psychodrama angelehnten Methode entwickelte er im Team Strategien, Situationen mit hohem Aggressionspotential ohne die Anwendung von Gewalt zu begegnen.

Foto: Dörte Staudt

»Wir werden am Ende des Tages die Antworten nicht haben«, hatte der DGSP-Vorsitzende Friedrich Walburg schon bei seiner Begrüßung vorausgesagt. Doch zeigte die Resonanz des Fachtags die Bedeutung einer wach gehaltenen und vor allem trialogisch geführten Diskussion und fortwährenden intensiven Austausch. In einem Resümée des Tages unterstrich Elisabeth Richter, die sich als Psychiatrie-Erfahrene heute in der Antistigma-Arbeit und Aufklärung engagiert, genau diese Forderung: »Ich war nicht so informiert, wie ich mir das gewünscht hätte.«

Die DGSP hat zum Fachtag eine Frankfurter Erklärung herausgegeben, der sich bereits zahlreiche Teilnehmer durch ihre Unterschrift angeschlossen haben. Den Wortlaut finden Sie ebenfalls auf unserer Homepage. Eine ausführliche Berichterstattung über den Fachtag sowie eine schriftliche Version des Vortrags von Sebastian Stierl wird es ferner in der Herbstausgabe der Mitgliederzeitschrift »Soziale Psychiatrie« geben.